Mario Graß
2026Staatstheater KasselTheaterkritiken

„Trutz“ (Christoph Hein) am Staatstheater Kassel

© Sylwester Pawliczek

Wenn Biografie auf Weltgeschichte prallt

Am vergangenen Samstag feierte das auf Christoph Heins gleichnamigem Roman basierende Theaterstück „Trutz“ im Schauspielhaus Kassel seine Premiere. Die Bühnenfassung und Inszenierung von Dušan David Pařízek, eine Übernahme vom Deutschen Schauspielhaus Hamburg, wurde mit großem Applaus und stehenden Ovationen aufgenommen.

„Diktaturen sind ironiefreie Zonen“, stellt Maykls Mutter fest. Diese Einschätzung ist leicht nachvollziehbar, stellt Ironie doch Gewissheiten infrage, entlarvt Absurditäten und entzieht Autoritäten die mühselig inszenierte Würde. Was in Diktaturen daher lebensgefährlich sein kann und im Massenmedium Fernsehen selten funktioniert, gelingt auf der Theaterbühne hingegen sehr wohl, wie nicht zuletzt die Inszenierung von „Trutz“ eindrucksvoll zeigt. Wenn schon nicht durch glückseliges Vergessen, ermöglicht Humor das Ertragen mancherlei Leids und Unheils.

Rem Gejm und Maykl Trutz, deren Eltern im Nationalsozialismus und Stalinismus zugrunde gegangen sind, begegnen sich Jahrzehnte nach ihrer gemeinsam verbrachten Kindheit im wiedervereinigten Deutschland erneut. Brüderlich teilen sie Wodka, Erinnerungen sowie gleichartige Erfahrungen. Gemeinsam richten sie den Blick auf die Geschichte ihrer Familien, die von Hoffnung durchdrungen war – doch es wohnt dem Wesen der Hoffnung inne, dass diese schmerzlich enttäuscht werden kann.

© Sylwester Pawliczek

Maykls Eltern, Gudrun und Rainer Trutz, sahen sich in den dreißiger Jahren aufgrund der aufkommenden Verfolgung durch die an die Macht gelangten Nationalsozialisten gezwungen, aus Deutschland zu fliehen. Die Hoffnung, in der Sowjetunion ein Leben in Sicherheit führen zu können, erwies sich jedoch als Trugschluss. Sie wurden ebenso wie ihr befreundeter russischer Linguist Waldemar Gejm und dessen Familie Opfer der dort wenig später einsetzenden brutalen stalinistischen Säuberungsprozesse.

Waldemar Gejm hatte die beiden Kinder zuvor auf Grundlage seiner Kenntnisse der Mnemonik und unter Anwendung entsprechender Verfahren und Techniken, die das Gedächtnis dabei unterstützen, Informationen dauerhaft zu speichern, geschult, wodurch sie ein nahezu unfehlbares Erinnerungsvermögen entwickeln konnten. Nach dem Ende des Krieges siedelte Maykl in die DDR über, wo er als Archivar die NS-Vergangenheit eines ZK-Mitglieds der SED aufdeckte. Aufgrund dieser „unerwünschten“ Entdeckung wurde er jedoch gemaßregelt und strafversetzt, da die Staatsführung die Deutungshoheit über die Geschichte für sich beanspruchte. Auch im wiedervereinigten Deutschland stieß er mit seiner Akribie, seiner Wahrheitsliebe und seinem unbestechlichen Verstand auf Widerstand und musste erneut Ungerechtigkeiten ertragen.

Christoph Heins Erinnerungsroman „Trutz“, der die leidvolle Geschichte zwischen Deutschland und Russland beziehungsweise der Sowjetunion im vergangenen Jahrhundert beleuchtet, ist in der Bühnenbearbeitung von Dušan David Pařízek am Staatstheater Kassel zu sehen. Die Produktion ist eine Übernahme vom Deutschen Schauspielhaus Hamburg, bei der die ursprüngliche Besetzung, zu der neben Henning Hartmann, Markus John und Ernst Stötzner auch Kassels neue Schauspieldirektorin Sarah Franke gehört, auf der Bühne zu erleben ist.

Der vielfach ausgezeichnete tschechische Theaterregisseur Dušan David Pařízek verdeutlicht in seiner Inszenierung eindrucksvoll, was geschieht, wenn historisches Unrecht nicht offen und ehrlich aufgearbeitet wird: Es kehrt in neuer Maskerade zurück. Das Geschehen auf der Bühne erscheint in manchen Augenblicken derart hellsichtig und aktuell, dass es den Betrachter fast körperlich schmerzt.

So wie das unbedarfte Aufstellen eines festlich geschmückten Christbaums durch Familie Trutz in ihrem Moskauer Exil sogleich Misstrauen, Diskriminierung und sogar Verfolgung hervorrufen kann, lässt sich derselbe Reflex auch in einem anderen Kontext denken – etwa beim abendlichen Hören der Muezzin-Rufe oder beim Anblick eines Schulkindes, das eine Kippa trägt.

Sicherheit ist ein fragiles und hohes Gut. Wahre Sicherheit erlebt der Mensch jedoch möglicherweise nie, da diese untrennbar von zeitlichen, geografischen und historischen Kontexten abhängt. Sind wir hinsichtlich unserer juristischen und moralischen Überzeugungen reine Spielbälle der Geschichte und wechselnder Machtverhältnisse, angesichts der oftmals fälschlicherweise Winston Churchill zugeschriebenen These, der Sieger schreibe stets die Geschichte?

Das Faszinierende an der Inszenierung besteht darin, dass sie mit einer Fülle von Ideen und einem ausgeprägten Humor das Geschehen auf die Bühne bringt, ohne dabei die drängenden Fragen sowie die tragische Geschichte der Protagonisten beiseitezuschieben.

Beim von ihm selbst gestalteten Bühnenbild folgt Regisseur Dušan David Pařízek weitgehend seinem bekannten minimalistischen Stil. Die recht karge Spielfläche rückt das Zusammenspiel der Darsteller und deren Sprache in das Zentrum der Aufmerksamkeit.

Die Bühne besteht im Wesentlichen aus drei überdimensionalen Holztafeln, von denen zwei senkrecht und eine flach auf dem Boden montiert sind. An einer der vertikalen Platten ist ein um 90 Grad gedrehter Stuhl in etwa zwei Metern Höhe befestigt. Während einer Gerichtsverhandlung sitzt der Angeklagte Rainer Trutz auf diesem Stuhl und verliert förmlich den Boden unter seinen Füßen. Die vertrauten Dimensionen geraten ebenso ins Wanken wie die Hoffnungen und Gewissheiten.

© Sylwester Pawliczek

Die Romanvorlage spannt einen weiten Bogen, der vom Berlin der Weimarer Republik über Moskau bis in stalinistische Straflager, weiter in die DDR und schließlich bis ins gegenwärtige Berlin führt. Die Darstellung dieser beachtlichen Orts- und Zeitsprünge, die jede Theaterinszenierung vor besondere Herausforderungen stellt, gelingt nicht zuletzt dank des reduzierten Bühnenbildes hervorragend, da wenige Requisiten ausreichen, um den zeitlichen und räumlichen Kontext des Geschehens zu verdeutlichen.

Die Protagonisten erleben wiederholt, wie ausschlaggebend und geradezu überlebenswichtig es für sie ist, welchen Kategorien sie gegenwärtig zugeordnet werden. Sind Sie Mitglied der geforderten Vereinigung und gehören Sie der gewünschten Religion an? Können Sie die erbetene Abstammung eindeutig vorweisen und entsprechen Ihre Überzeugungen nachweislich den geltenden Richtlinien? „Ohne Papiere bist du kein Mensch, sondern nur ein Individuum“, konstatiert Rainer Trutz mit treffendem, bitterem Sarkasmus.

Bereits der permanente Rollentausch der Darsteller hinterfragt diese Kategorisierung von Menschen. Die vier Schauspieler schlüpfen in eine Vielzahl von Rollen und wechseln ihre Charaktere ebenso mühelos wie deren Geschlecht, Alter oder Herkunft. Das aus Sarah Franke, Henning Hartmann, Markus John und Ernst Stötzner bestehende Ensemble beeindruckt durch seine Präsenz, Souveränität und Spielfreude und wird zu Recht mit großem Applaus und stehenden Ovationen bedacht.

© Sylwester Pawliczek

„Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist“, singen die desillusionierten Akteure zum Abschluss. Der Refrain aus der Operette „Die Fledermaus“ von Johann Strauss scheint eine Lebensweisheit zu vermitteln, die dazu einlädt, sich von unabänderlichen Gegebenheiten durch das Loslassen der Vergangenheit zu befreien. Doch bereits im Kontext der Operette wird die Ironie erkennbar, betäuben sich die Figuren doch im Champagnerrausch, um vor ihren eigenen Problemen zu fliehen.

So ist dieser Schlussgesang vor allem als eindringliche Mahnung zu verstehen, die Grausamkeiten der Vergangenheit nicht zu vergessen, da Geschichte niemals abgeschlossen ist, sondern unser heutiges Dasein prägt, das ohne wahrhaftige Erinnerung beliebig manipuliert werden kann.

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